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24.09.2026

Bericht vom Einführungsvortrag „Spiritualität und Gesundheit“


Am 21. September fand der Einführungsvortrag “Spiritualität und Gesundheit – ein erweitertes bio-psycho-soziales Modell für die osteopathische Praxis” von Karsten Richter und Andreas Risch zur gleichnamigen Webinarreihe statt.

Der Vortrag verfolgte drei Leitfragen:

  • Warum sollte Spiritualität im Gesundheitswesen berücksichtigt werden?
  • Welche Erkenntnisse liefert die Forschung?
  • Wie kann das Thema verantwortungsvoll in die osteopathische Praxis übertragen werden?

Ziel war es, Spiritualität nicht als religiöses oder esoterisches Zusatzthema zu behandeln, sondern als mögliche Dimension eines erweiterten bio-psycho-sozialen Gesundheitsverständnisses.

Begriffsverständnis und historische Einordnung

Zu Beginn stellte Referent Karsten Richter klar, worin sich Spiritualität und Religion unterschieden: Beide können auf Transzendenz ausgerichtet sein, unterscheiden sich jedoch darin, dass Religion häufig institutionell organisiert ist, während Spiritualität auch individuell und außerhalb religiöser Institutionen auftreten kann.

Als gemeinsamer Minimalkonsens verschiedener Definitionen benannte Richter drei Aspekte:

  1. Sinnsuche: das Streben nach Bedeutung und Orientierung.
  2. Transzendenz: die Erfahrung, dass die eigene Existenz über das unmittelbare Ich hinausweist.
  3. Verbundenheit: die Beziehung zu sich selbst, zu anderen Menschen, zur Natur oder zu einer als heilig verstandenen Wirklichkeit.

Anschließend skizzierte er die Entwicklung des Körper-Geist-Verständnisses von antiken Vorstellungen über Platon, Aristoteles und Hippokrates bis zu christlich-theologischen Konzepten und neuzeitlichen philosophischen Ansätzen, wie Viktor Frankls Konzept der noetischen Dimension, Abraham Maslows spätere Erweiterung der Bedürfnishierarchie mit der Transzendenz als obersten Stufe, Jean Gebsers Theorie verschiedener Bewusstseinsstrukturen, Ken Wilbers integrales Modell, Ansätze der transpersonalen Psychologie sowie soziologische Überlegungen von Jürgen Habermas und Hartmut Rosa.

Dem schloss Richter eine Präsentation der verschiedene Forschungsfelder an, die Spiritualität untersuchen. Kurz vorgestellt wurden unter anderem:

  • Studien zu neuronalen Zusammenhängen spiritueller und religiöser Erfahrungen.
  • Untersuchungen zu Meditation und Veränderungen der Hirnaktivität.
  • Bildgebende Studien mit kontemplativ praktizierenden Personen.
  • Arbeiten zu spirituellen Erfahrungen nach der Einnahme von Psilocybin bei Patientinnen und Patienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen.
  • Untersuchungen zur Bedeutung von Achtsamkeit und Resilienz für therapeutische Prozesse.
  • Eine randomisierte Studie zu einer körperorientierten Mind-Body-Therapie bei dänischen Militärveteranen mit posttraumatischer Belastungsstörung.

Besonders hervorgehoben wurde, dass spirituelle Erfahrungen in verschiedenen Forschungsbereichen mit psychischer Gesundheit, Krankheitsbewältigung, Lebensqualität, Resilienz und therapeutischen Ergebnissen in Beziehung gesetzt werden.

Die Bedeutung für die osteopathische Praxis

Über die Bedeutung der Spiritualität als Bestandteil eines erweitertes bio-psycho-soziales Modells für die osteopathische Praxis referierte im Anschluss Andreas Risch.

Spiritualität sollte demnach nicht ungefragt in die Behandlung eingebracht oder als weltanschauliche Deutung vorgegeben werden. Vielmehr kann sie dann berücksichtigt werden, wenn sie für die Patientin oder den Patienten selbst eine Bedeutung besitzt.

Als drei zentrale Handlungsfelder benannte Risch:

  • Die spiritualitätsbezogene Anamnese mit vorsichtigen und offenen Fragen nach Sinn, Halt, Hoffnung, Verbundenheit und persönlichen Kraftquellen.
  • Nicht-religiöse Spiritual-Care-Modelle als Unterstützung bei existenziellen, sinnbezogenen oder lebenspraktischen Fragen, ohne eine bestimmte Religion vorauszusetzen.
  • Vernetzung mit Unterstützungsangeboten, also das Erstellen eines entsprechenden Netzwerkes und ggf. die Zusammenarbeit mit Seelsorge, Psychotherapie, psychosozialen Diensten oder anderen geeigneten Ansprechpartnern.

Anhand eines Fallbeispiels veranschaulichte Risch dann die mögliche Umsetzung und stellte das mehrseitige RIO-Handout “Spiritualitätsbezogene Anamnese” vor, dass die Teilnehmer im Anschluss an das Webinar erhalten haben.
 

Fazit und Ausblick

Insgesamt bot das Webinar eine breit angelegte Einführung in ein anspruchsvolles und für die osteopathische Praxis sensibles Thema. Denn spirituelle oder existenzielle Themen können Teil der individuellen Lebenswirklichkeit von Patientinnen und Patienten sein. Sie sollten jedoch nicht vorausgesetzt, aufgedrängt oder weltanschaulich vereinnahmt werden. Stattdessen setzt eine professionelle Integration auf Offenheit, kulturelle Sensibilität, klare Grenzen der eigenen therapeutischen Rolle und einen sorgfältigen Umgang mit wissenschaftlichen Befunden voraus.

Am 19. Oktober folgt der nächste Online-Vortrag aus der Webinarreihe.
Dann wird der österreichische Osteopath Gregor Schantl über “Osteopathie und Spiritualität – Gestern, Heute, Morgen” referieren.
Die Teilnahme kostet 25 Euro.
Die Anmeldung erfolgt per E-Mail an: info@rio-osteopathie.de








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